Von der Faszination des Gründens

Was er später einmal machen wollte, war für den b@s-Alumnus Philipp Hierner schon früh klar: „Auf alle Fälle etwas mit Wirtschaft.“ Und so entschied er sich in der 11. Klasse am Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium (KWG) Hannover ganz bewusst für die Teilnahme an business@school, um im Zusammenspiel von Theorie und Praxis herauszufinden, welches Fach er dafür am besten studieren sollte. Beim Schulentscheid belegte er mit seinem vierköpfigen Team den zweiten Platz. Die Geschäftsidee: eine automatisierte Warnapp für pflegebedürftige Patientinnen und Patienten, welche im Ernstfall ein Lebensretter sein kann. Schon mit dieser ersten innovativen Idee war der Grundstein für Gründungen in Reihe gelegt.

„Ich liebe das Gründen – und ich hoffe, noch weitere Unternehmen zu gründen!“, sagt Philipp Hierner. Die Faszination, die für ihn vom Gründen ausgeht, beschreibt er so: „Ich liebe den Prozess des Gründens an sich, vor allem in der Pre-Seed- und Seed-Phase. Jeden Tag, wenn ich ins Büro komme, sehe ich eine Veränderung, sehe ich, dass wir wachsen und uns entwickeln. Das Geld, das wir heute investieren, bewirkt bereits morgen eine Veränderung, einen Schritt nach vorn – und nicht erst in kommenden Jahren. Das ist inspirierend!“

Doch der Reihe nach: Nach dem Abitur studierte Philipp an einer European Business School General Management mit den Schwerpunkten BWL und VWL. Es blieb die Frage: Wo wollte er lieber arbeiten – in einem großen Konzern oder in einem kleinen, flexiblen Unternehmen? Zwei Praktika später stand für ihn fest: Die Verbindung zwischen Theorie und Praxis würde sich wahrscheinlich am ehesten in einem Start-up realisieren lassen. Das war die Geburtsstunde von Frontida, einer Vermittlungsplattform für 24-Stunden-Pflegekräfte, die Philipp noch während des Studiums gemeinsam mit einem Freund gründete.

„Uns war aufgefallen, dass es im Pflegebereich eigentlich nur zwei Märkte gab: Pflegeheime oder ambulante Pflege. Der dritte Bereich, die 24-Stunden-Pflege, wurde noch nicht richtig oder sogar falsch angesprochen. Es existierten zwar erste Angebote, bei denen in- und ausländische Pflegekräfte für eine bestimmte Zeit bei der zu pflegenden Person wohnten und dann mit einer weiteren Fachkraft wechselten. Aber der Prozess war sehr intransparent, die Leistungen ungenau definiert, Qualifikationen ungewiss, und er galt als teuer und elitär. Vor allem eine Zielgruppe wurde überhaupt nicht beachtet, nämlich junge Menschen mit Erkrankungen oder nach schweren Unfällen und mit Pflegebedarf“, erzählt Philipp.

Die Gründer schlossen Kooperationen mit Agenturen im Ausland ab und bieten eine transparente Vermittlung über die eigene Plattform an. Eins ist ihnen dabei sehr wichtig: dass auch das zwischenmenschliche Verhältnis stimmt – schließlich lebt man 24 Stunden am Tag eng zusammen. Hier gelte es zuweilen auch Klischees auszuräumen und Vorbehalte zu entkräften, Fremde ins Haus zu lassen. Inzwischen wurden bereits über 500 Pflegekräfte über Frontida vermittelt. Die Corona-Pandemie hat das Wachstum des Unternehmens nicht gebremst – im Gegenteil: „Unsere Entscheidung, mehr auf Qualität statt auf Quantität zu setzen, erweist sich jeden Tag als richtig“, sieht sich Philipp bestätigt.

Für den nächsten Wachstumsschritt erweiterten die Freunde das Management. „Ich habe so die Möglichkeit, mich aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen – und habe Zeit, ein neues Handels- und Vertriebsunternehmen namens Realview Digital eCommerce GmbH zusammen mit Partnern zu gründen“, erklärt Philipp. „Dabei vertreiben wir über zwei Kanäle – B2B und B2C – Produkte, beispielsweise im Musikbereich, die sowohl von etablierten Brands wie Bang & Olufsen oder Marshall als auch von kleinen, unbekannten ‚Garagen‘-Unternehmen kommen. Anders als Amazon kaufen wir jedoch die Produkte und übernehmen die Verantwortung für den Verkauf. Damit fördern wir zugleich die oftmals noch jungen Unternehmen in ihrem Wachstum. Wichtig ist uns, dass es sich um innovative Produkte handelt, wie etwa die Espressomaschine für Wanderer in Becherform.“ Ende 2020 gewann der b@s-Alumnus mit dem B2C-Onlineshop objectswelove.de in Hannover einen Gründerpreis.

Beide Gründungen seien sehr unterschiedlich gewesen, betont Philipp. Bei Frontida seien anfangs keine Kosten entstanden, weil er und sein Freund aus der Garage heraus gründeten und die Plattform selbst programmierten. Der erste Umsatz entsprach so dem ersten Gewinn. Bei objectswelove.de hingegen seien die Kosten für Investitionen zu Beginn hoch und Einnahmen nachgelagert.

Bei den Gründungen halfen Philipp auch die Erfahrungen, die er bei business@school sammeln konnte, insbesondere bei der Jurybefragung im Wettbewerb: „Die Juroren stellten die entscheidenden Fragen zu Produkt, Finanzierung und Markt, sie fanden Unstimmigkeiten und gaben Tipps. Das hat sehr geholfen!“

Um etwas zurückzugeben, engagiert Philipp sich seit dem Studium selbst als Coach bei business@school. Die Schülerteams fänden es spannend, dass er gegründet hat. Es falle ihm leicht, den Jugendlichen Wirtschaftswissen zu vermitteln, das er zusätzlich mit seinen eigenen Erfahrungen anreichern könne.Gleichzeitig erweitere der Austausch mit Jugendlichen auch seinen eigenen Horizont: „Als ich das erste Mal TikTok in einem Marketingplan fand, konnte ich damit nicht so viel anfangen. Heute ist es für objectswelove.de eine interessante Werbeform.“

Vier Tipps gibt der Alumnus jungen Gründerinnen und Gründern mit auf den Weg:

  1. Ihr brennt für eine Idee? Just do it! Ihr könnt nicht viel verlieren; ihr habt keine Mietkosten, keine Familie, keine Kinder. Wenn ihr es nicht ausprobiert, werdet ihr nie erfahren, ob es hätte klappen können. Zögert ihr zu lange, schnappt euch vielleicht ein anderer die Idee weg.
  2. Haltet durch. Der Gründungsprozess in Deutschland ist bürokratisch, das kann abschrecken. Aber er muss richtig gemacht werden. Irgendwann ist er vorbei.
  3. Sucht euch den richtigen Partner. Stimmt die Chemie zwischen den Partnern oder im Team nicht, hilft die beste Idee nicht, sondern wird scheitern.
  4. Nutzt eure Netzwerke. Sprecht mit vielen Leuten über eure Idee und versucht, sie zu überzeugen. So entdeckt ihr, wo es noch Verbesserungspotenzial gibt. Und eure Gesprächspartner öffnen euch ihre Netzwerke. Das ist Gold wert und mehr als monetäre Unterstützung.